Mein Weihestein
Vorgeschichte

Als Medicus der COH IIII VIND, war ich auf der Suche nach einen geeigneten Namen für mich. Durch einen Zufall fand ich dabei die Epigraphik Datenbank von Prof. Dr. Dr. Manfred Clauss:
http://compute-in.ku-eichstaett.de:8888/pls/epigr/epigraphik_de
Als Suchmuster gab ich, Ort: "Grosskrotzenburg" (Wenn man Großkrotzenburg mit "ß" schreibt wird man leider nicht fündig.) und Suchtext 1: "Medicus" ein. Die Suche hatte Erfolg.

Der gefundene Text

Ich hatte Glück, es gab einen Passenden Eintrag in der Datenbank:

Belegstelle: CIL 13, 07415
Provinz: Germania superior
Ort: Grosskrotzenburg

D(eo) inv(icto) / L(ucius) Fabi(us?) / Anthi(us) / v(otum) s(olvit) l(ibens) l(aetus) m(erito) / med(icus ) [coh(ortis)] IIII

Zeichenerklärung:
/ - Zeilenumbruch.
() - Vervollständigung einer Abkürzung.
[] - Vervollständigung einer Fehlstelle.

Inschrift:
Aufgelöst:
D inv
L Fabi
Anthi
v s l l m
med IIII
D(eo) inv(icto)
L(ucius) Fabi(us)
Anthi(us?)
v(otum) s(olvit) l(ibens) l(aetus) m(erito)
med(icus) [coh(ortis)]IIII
Übersetzung:
Dem unbesiegbaren Gott*
hat Lucius Fabius
Anthius,
froh, freudig und nach Gebühr sein Gelübde erfüllt
Arzt der COH IIII VIND

*(wahrscheinlich Sol Invictus)

Nicht nur wir, die modernen Menschen, verwenden gerne und viele Abkürzungen, sondern auch in der römischen Antike bediente man sich derer gerne und reichlich. Dabei ist zu bedenken, dass ein Altarstein viel Geld gekostet hat. Je größer der Stein, desto teurer war er. Aber man wollte natürlich auch eine bestimmte Botschaft mit der Inschrift auf dem Stein übermitteln. Die Botschaften entsprachen, genau wie heute auf Werbeplakaten oder Bekanntmachungen, bestimmten Grundsätzen, wie zum Beispiel: für wen, wer oder von wem, warum und gegebenenfalls wann. Zumindest diese Informationen galt es, auf dem Altarstein in einer Inschrift unterzubringen, ohne den Stein dabei all zu groß, also sehr teuer, werden zu lassen. Also was liegt näher als die Verwendung von Abkürzungen, vor allem wenn die verwendeten Texte immer und immer wieder dem gleichen Muster entsprachen und sich im Wesentlichen nur durch die Namen unterschieden. Nicht anders verhält es sich mit der Inschrift dieses Weihe- oder Altarsteins. Das Meiste entspricht gewissen Standardtexten, die wir in vielen anderen Inschriften wiederfinden. Kommen wir zu den Abkürzungen in der Inschrift. In der ersten Zeile steht: "D INV", das zu "Deo invicto" aufgelöst werden kann, was übersetzt soviel bedeutet wie "Dem unbesiegbaren Gott". Da der Stein in unmittelbarer Nähe des Mithrasreliefs gefunden wurde, kann die Textzeile wie folgt ergänzt werden: "D [S(oli)] INV", womit wir dann für die erste Zeile den Text "Dem unbesiegbaren Sonnengott" haben. In der zweiten und dritten Textzeile kommen wir dann zum Namen des Stifters, "L Fabi Anthi". Das "L", also das Praenomen (der Vorname), kann bedenkenlos zu "Lucius" ergänzt werden. Das Nomen Gentile "Fabi" (der Sippenname, Geschlecht oder Großfamilie; heute würde man Familienname sagen) ist ebenfalls eine häufig verwendete Abkürzung und kann zu "Fabius" ergänzt werden. Schwieriger und spekulativ wird es dann bei dem Cognomen (Beiname, der eine Individualität des Trägers beschreibt, in unserer Zeit ein Spitzname) "Anthi". Die epigraphische Datenbank von Herrn Dr. Clauss schlägt "Anthius" vor, das aber mit einem Fragezeichen versehen wurde. Frau Kreß vom "Heimat- und Geschichtsverein Großkrotzenburg e.V." bevorzugt "Anthimos" und in einer Publikation über römische Steindenkmäler vom Taunus- und Wetteraulimes (Corpus Signorum Imperii Romani, Deutschland, Band II, 12 von Marion Mattern) schlägt die Autorin "Anthimas" vor und bezieht sich dabei auf Alföldy (Die Personennamen in der römischen Provinz Dalmatia) und W. Pape (Wörterbuch der griechischen Eigennamen). Lucius würde jetzt wahrscheinlich lachen und die vierte Variante ins Spiel bringen. Ich habe mich für "Anthius" entschieden, werde aber, wenn ich über das Thema spreche, immer erwähnen, dass es dafür keine Garantie gibt. Einfach wird es dafür jetzt wieder in der vierten Textzeile: "v s l l m". Dabei handelt es sich wieder um eine auf Weihesteinen sehr häufig zu findende Inschrift, die zu "votum solvit libens laetus merito" aufgelöst werden kann und übersetzt soviel wie "froh, freudig und nach Gebühr sein Gelübde erfüllt" bedeutet. Dies ist eine Floskel, die uns viel über den Grund Erschaffung des Weihesteins verrät. Bei den Römern gab es eine religiöse Praktik, die man mit "Do ut des" - "Ich gebe, damit du gibst" bezeichnet. Darunter verstand man zum Beispiel die Opferungen vor einer Schlacht, um die Götter um Beistand zu bitten. Aber auch Verträge und Gelübde, also Versprechungen, fielen hierunter. Dies war eine übliche Praxis, wenn es darum ging, eine Bitte oder Hilfe erfüllt zu bekommen. Immer wenn wir in einer Inschrift die Abkürzung "v s l l m" finden, können wir davon ausgehen, dass jemand einen Gott oder mehrere Götter um Hilfe bzw. Beistand gebeten hat und diese bzw. diesen auch erhalten hat. Woraufhin die Person ebenfalls ihr Gelübde erfüllte, also beispielsweise einen Weihestein gestiftet hat. Leider geht dabei in der Regel aus der Inschrift nicht hervor, um welche Bitte es sich gehandelt hat. In unserem speziellen Fall dürfte es sich wohl kaum um den siegreichen Ausgang einer Schlacht gehandelt haben, sondern vielmehr um einen Kranken, der wieder genesen ist, aber das ist nun wirklich spekulativ. Die fünfte und letzte Zeile ist wieder wie die erste nur richtig zu verstehen, wenn man den Fundkontext kennt: "med IIII". Häufig finden wir in Inschriften, besonders im militärischen Bereich, auch den Beruf oder den Stand einer Person wieder. Ein Centurio zum Beispiel wird immer erwähnen, dass er Centurio ist und bei welcher Einheit er dient. Im Fall dieser Inschrift wissen wir, dass in Großkrotzenburg die 4. Vindelikerkohorte stationiert war, also steht die "IIII" für die 4. Vindelikerkohorte und "med" für den Stand der Person, also den Medicus. Somit kann die letzte Zeile mit "Arzt der COH IIII VIND" interpretiert und übersetzt werden. Für alle, die jetzt Zweifel an der Schreibweise der Zahl vier mit vier Strichen (IIII) haben: In der römischen Antike war das üblich. Alles in allem können wir die Inschrift dann wie folgt lesen: "Dem unbesiegbaren Sonnengott hat Lucius Fabius Anthius, froh, freudig und nach Gebühr sein Gelübde erfüllt, Arzt der COH IIII VIND". Der gefundene Weihestein wird auf das letzte Viertel 2. Jh. bis erstes Viertel 3. Jh. n. Chr. datiert.

Mein Name

Somit war mein Name gefunden: Lucius Fabius Anthius.
Zugegeben, ob die Abkürzung "ANTHI" für Anthius oder aber für Anthimas oder Anthimos steht, kann nicht mehr belegt werden. Ich habe mich für Anthius entschieden.

Auf der Suche nach dem Stein

Jetzt wollte ich natürlich wissen, wie der Stein aussieht. In Großkrotzenburg gibt es den "Heimat- und Geschichtsverein Großkrotzenburg", der das dortige Museum führt. Natürlich war ich schon einige Male da und habe Bilder gemacht. Also suchte ich in meinen Bildern und fand den Stein. Er wurde im März 1881 von dem Lehrer Franz Schaack in Großkrotzenburg in der Nähe der Lange Straße 25 im Mithräum, nicht weit vom Kastell entfernt, gefunden. Der Weihestein wurde dann, zusammen mit dem Mithrasrelief und weiteren Funden, nach Hanau in das Historische Museum Schloss Philippsruhe gebracht, wo er im Zweiten Weltkrieg am 19.03.1945 einem Bombenagriff zum Opfer fiel und zerstört wurde. Zum Glück hatte man Zeichnungen von dem Weihestein angefertigt, was es dem Steinmetz Theodor Pörtner 1957 ermöglichte, ein Replikat von dem Weihestein zu erstellen und es dem Heimatverein zu übergeben. Publiziert wurde der Weihestein 2001 von Marion Mattern in "Corpus Signorum Imperii Romani. Corpus der Skulpturen der Römischen Welt. Deutschland. Band II: Germania superior. Teil 12".

Die Unterschiede

Zu meinem Erstaunen ist mir aufgefallen, dass die Inschrift auf dem Stein, die Angaben aus der Epigraphik-Datenbank und der Publikation des Weihesteines nicht übereinstimmen.

Datenbank und
Publikation
Der Stein
D inv
L Fabi
Anthi
v s l l m
med IIII
D S inv
L Fabi
Anthi
v s l l m
med IIII VIN

Was stimmt jetzt, die Datenbank und die Publikation oder der Stein? Die Epigraphik-Datenbank bezieht ihre Daten aus der Belegstelle CIL 13, 07415 ("Corpus Inscriptionum Latinarum"), also nach Aufzeichnungen, die von Theodor Mommsen ab 1853 durchgeführt wurden. Sollte Theodor Mommsen bzw. seine Helfer ungenau gearbeitet haben? Das kann man sich eigentlich nur schwer vorstellen, wenn sich jemand zur Aufgabe macht, Inschriften zu erfassen. Ich halte es für denkbar, dass der Steinmetz, der das Replikat hergestellt hat, eventuell die Abschrift des Textes nicht richtig zu lesen wusste und dabei versehentlich die Fehlstellen in den eckigen Klammern "[]" auf dem Weihestein ergänzt hat. Wahrscheinlich werde ich es nie mehr herausfinden können.

Der Name Lucius Fabius Anthius

Jetzt stellte sich mir natürlich die Frage nach dem Menschen Lucius Fabius Anthius. Wer war er, kann man an dem Namen etwas erkennen? Hierzu habe ich zwei, die es wissen könnten, gefragt: Dr. Andreas Vogel und Barbara Werthner. Unabhängig voneinander meinten beide, es könnte sich um einen Freigelassenen handeln der ein griechischen Cognomen (Spitzname) trägt. Auch Marion Mattern vermutet beim Cognomen "Anthi(us?)" griechischen Ursprung. Das würde vom Prinzip her gut zum Beruf des Medicus passen und ein griechischer Name machte sich in der Antike auf jeden Fall für einen Arzt gut, auch wenn er unter Umständen kein Grieche war. Aber auch dazu wird man sicher nichts genaues mehr herausfinden können.

Eine spekulative Geschichte

Wie wir wissen hat bei der römischen Namensgebung das Cognomen Eigenschaft oder Herkunft des Trägers ausgedrückt. Zum Beispiel bedeutet das Cognomen "Brutus" "Der Dummkopf" oder das Cognomen "Afer" "Der aus Afrika kommende". Somit könnte mein Cognomen Anthius soviel bedeuten wie "Der aus Anthium kommende". Jetzt stellt sich natürlich sofort die Frage, wo ist Anthium? In einem modernen Atlas werden wir es nicht finden, aber bei Plinius Nat.Hist. 4, 45: "Astice regio habuit oppidum Anthium; nunc est Apollonia ..." (Das Gebiet Astike gehörte zur Stadt Anthium [Antheion], nun ist dort Apollonia ...). Plinius meint damit eine Stadt, die ursprünglich im 14.-13. Jahrhundert v. Chr. von Thrakern gegründet wurde. Etwa 609 vor Chr. gründen griechische Seefahrer dort die Stadt Apollonia. Heute ist sie eine Kleinstadt an der bulgarischen Schwarzmeerküste in der Provinz Burgas. Damit hätte ich also eine mögliche Erklärung für mein Cognomen: "Der aus Anthium kommende".

Kommen wir jetzt zum nomen gentile "Fabius", was soviel bedeutet wie "Derjenige, der zur gens Fabia gehört", also zur Familie der Fabier. Die Geschichte der Fabier kann bis in das 5. Jh. v. Chr. zurück verfolgt werden, als Kaeso Fabius Vibulanus die Familie gründete. Familienmitglieder der Fabier haben seitdem bis zum 4. Jh. n. Chr. immer wieder führende Positionen wie das Konsulat inne. Ein mögliches Szenario wäre, dass Lucius Fabius Justus, der 102 n. Chr. Konsul unter Traian, um 112 n. Chr. Statthalter von Moesia Inferior und später wohl auch von Syrien war, einen Arzt hatte, den er frei gelassen hat: meinen Vater. Und ich, Lucius Fabius Anthius, lebte fast 50 Jahre später als vollwertiger römischer Bürger, der nur dem Beruf zuliebe ein griechisches Cognomen führte.

Von der 4. Vindelikerkohorte wissen wir, dass sie nach der Unterwerfung der Raeter und Vindeliker unter Drusus und Tiberius im Alpenvorland ausgehoben, d.h. rekrutiert, wurde. Epigraphische Funde, vor allem Grabsteine, belegen, dass die 4. Vindelikerkohorte von etwa domitianischer Zeit an bis etwa um 110 nach Chr. in Heddernheim / Nida stationiert waren und später ins Kastell Großkrotzenburg verlegt wurden. Wann und wie Lucius Fabius Anthius zur 4. Vindelikerkohorte gekommen ist, muss leider unbeantwortet bleiben. Sicher ist nur, dass der Dienst beim Militär bestimmt nicht die schlechteste Entscheidung war. So hatte er ein sicheres Auskommen und - was für einen Medicus ganz wichtig ist - genügend Patienten, die im Gegensatz zu den Zivilisten, die sich den Arztbesuch eventuell nicht leisten konnten, ihre Arztkosten nicht selbst tragen mussten. Sicher ist auch, dass bei einer Militäreinheit, die den Kampf übt, das Spektrum an Verwundungen umfangreicher ist als bei der restlichen ländlichen Bevölkerung. Praxiserfahrung und die Möglichkeit, seine Kenntnisse zu erweitern, bot ansonsten nur die Anstellung als Arzt an einer Gladiatorenschule. Außerdem hatte man als Truppenarzt den Vorteil, dass man Immunes war, also von schwerer Arbeit und Wachdienst befreit zu sein und etwa das Anderthalb bis Zweifache an Sold zu beziehen, verglichen mit einem einfachen Soldat. Nach den fünfundzwanzig Dienstjahren konnte man sich mit Hilfe von Nebenverdienste, als Arzt außerhalb der Truppe, sich bestimmt irgendwo als erfahrener Arzt niederlassen. Auch ist überliefert, dass Ärzte zum Teil in eheähnlichen Beziehung gelebt haben. Also konnte er auch eine Familie im Kastellvicus gehabt haben.

Alles in allem könnte Lucius Fabius Anthius also ein recht sorgenfreies Leben geführt haben. Dennoch muss irgendein einschneidendes Ereignis in seinem Leben ihn dazu bewogen haben, sein Gelübde (froh, freudig und nach Gebühr) zu erfüllen, also den Weihestein zu stiften. Diesem unbekannten Sachverhalt haben wir es zu verdanken, dass wir von seiner Existenz überhaupt wissen.

Der Weihestein in Farbe

Wenn wir heute gebeten werden, die Augen zu schließen und uns die römische Antike vorzustellen, dann haben die meisten modernen Menschen ein recht monochromes graues Bild vor Augen. Graue Gebäude wie Häuser oder Tempel und einfarbige Steine mit Inschriften, wie zum Beispiel Weihesteine. Das hat wohl zwei Gründe: Zum einen präsentieren uns gerade die älteren Hollywoodfilme so die römische Antike, zum anderen sind die unterschiedlichen Steine, die in Museen zu sehen sind, meist grau und einfarbig. Die heutige Archäologie widerlegt dies aber inzwischen. Gebäude waren oft weiß gestrichen und hatten einen farbigen Sockel, sogar Fugenstriche malte man häufig rot um so ein geordnetes Mauerwerk darzustellen. Auf Grabsteinen zum Beispiel lassen sich noch heute vereinzelt Farbspuren nachweisen, ebenso auf Altar- bzw. Weihesteinen. Alles in allem dürfte die antike Welt recht bunt und farbenfroh gewesen sein, so auch der Weihestein des Lucius. Wie jener in der Antike ausgesehen haben mag, lässt sich heute unmöglich sagen und wir sind im höchsten Maße auf unsere Fantasie angewiesen. Ich habe hier zwei Versuche unternommen, dem Weihestein Farbe zu verleihen. Meine beiden Rekonstruktionsversuche sind mit Absicht sehr unterschiedlich, aber sie geben dem Betrachter trotzdem ein ganz anderes Bild von dem Stein als ohne jegliche Farbe. Im Hintergrund ist eine Rekonstruktion des Mithrasreliefs zu sehen, vor dem der Weihestein gefunden wurde.

Weihestein
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